IHK-Beratungen auf Höchststand, doch potenzielle Übernehmer fehlen
Der Generationenwechsel wird in den kommenden Jahren zu einer zentralen Herausforderung für den Mittelstand in Bayerisch-Schwaben. Laut einer aktuellen Studie des bayerischen Wirtschaftsministeriums stehen bis 2031 fast 25.000 bayerisch-schwäbische Unternehmen zur Übergabe an, dort arbeiten mehr als 100.000 Menschen. Doch bislang fehlen ausreichend Interessenten, die diese Betriebe fortführen möchten. „Unternehmensnachfolge ist längst weit mehr als eine persönliche Entscheidung eines Unternehmers oder einer Unternehmerin“, sagt Karin Bräuer aus dem Beratungszentrum Recht & Betriebswirtschaft der IHK Schwaben. „Es geht um die Verantwortung für tausende Arbeitsplätze, unternehmerisches Know-how und damit um die wirtschaftliche Stabilität unserer Regionen.“
Die IHK Schwaben hat die Altersstruktur in den Führungsetagen ihrer Mitglieds-unternehmen analysiert. Demnach sind 29 Prozent der Unternehmerinnen und Unternehmer bereits 60 Jahre oder älter. 23.000 haben das Alter von 65 Jahren erreicht oder überschritten – das betrifft etwa jede sechste Person an der Spitze eines bayerisch-schwäbischen Unternehmens. Generell gilt das Erreichen des fünfzigsten Lebensjahres als entscheidende Schwelle: Ab hier sollten Unternehmerinnen und Unternehmer mit dem Prozess der Unternehmensnachfolge beginnen. Das betrifft in Bayerisch-Schwaben 77.000 Chefinnen und Chefs, das ist mehr als die Hälfte. „Die Unternehmensnachfolge ist ein drängendes Problem quer durch alle Branchen“, so IHK-Expertin Bräuer.
Vor allem das Reise- und Gastgewerbe ist betroffen
An der Spitze der bayerisch-schwäbischen Unternehmen stehen vor allem Personen im Alter zwischen 51 und 60 Jahren – fast vier Mal so viele wie im Bereich der unter 30-Jährigen. Im Durchschnitt sind Unternehmerinnen und Unternehmer in der Region 50,6 Jahre alt. Die jüngsten Selbständigen gibt es im Dienstleistungssektor mit einem Altersdurchschnitt von knapp unter 50 Jahren. Wer an der Spitze eines produzierenden Betriebs steht, ist im Schnitt mehr als vier Jahre älter. Im Reise- und Gastgewerbe ist das Durchschnittsalter seit der letzten Erhebung im Jahr 2020 noch einmal angestiegen (+0,5 Jahre) und liegt nun bei 52,4 Jahren. In urbanen Räumen ist die Unternehmerschaft meist jünger als im gesamtschwäbischen Schnitt. Grund dafür ist der unterschiedliche Branchenmix in den Teilregionen. Mit 51,3 Jahren ist das Durchschnittsalter der Unternehmerinnen und Unternehmer im Allgäu am höchsten. „Vor allem im südlichen Allgäu stellte der demographische Wandel für den Tourismus eine große Herausforderung dar. Hier ist die Nachfolgeproblematik besonders akut“, so Bräuer. Auch in Nordschwaben liegt das Durchschnittsalter der Unternehmerschaft mit 51,2 Jahren relativ hoch. Im Schnitt am jüngsten sind die Unternehmerinnen und Unternehmer in Westschwaben (50,4 Jahre) und im Wirtschaftsraum Augsburg (49,8 Jahre).
Unternehmensübergabe ist ein komplexer Prozess
Um altersbedingte Betriebsaufgaben zu verhindern, ist es wichtig, den Nachfolgeprozess frühzeitig einzuleiten. „Neben finanziellen und strategischen Faktoren spielen auch emotionale Aspekte eine große Rolle“, so Bräuer. Oft scheitere es an unrealistischen Vorstellungen beim Kaufpreis oder an der fehlenden Bereitschaft des Seniorchefs, nach Jahrzehnten an der Unternehmensspitze die Verantwortung abzugeben, berichtet Bräuer. „Daher ist es wichtig, diesen Schritt sorgfältig und frühzeitig vorzubereiten.“ Dennoch sei in den vergangenen Jahren das Bewusstsein der Unternehmerschaft dafür gewachsen, so die IHK-Expertin. Die Zahl der IHK-Nachfolgeberatungen ist auf einen Höchststand geklettert. Allein bei der IHK Schwaben ließen sich im vergangenen Jahr rund 450 Unternehmerinnen und Unternehmer zu dieser Thematik beraten.
Es fehlen übernahmewillige Unternehmerinnen und Unternehmer
Nur noch gut ein Drittel strebt die Übergabe innerhalb der Familie an. Jeder oder jede Fünfte plant, das Unternehmen an Beschäftigte zu übergeben. In rund der Hälfte der Fälle suchen die Firmeninhaber nach einer externen Lösung. Dabei klafft jedoch eine riesige Lücke zwischen der Zahl der übergabewilligen Unternehmerinnen und Unternehmern und den Interessenten für eine Übernahme. Laut dem DIHK-Nachfolgereport meldeten sich 2024 doppelt so viele Unternehmen, die zur Übergabe anstehen, wie potenzielle Nachfolger. In der bundesweiten Nachfolgebörse „nexxt-change“ sind für Bayerisch-Schwaben derzeit mehr als 80 Verkaufsangebote inseriert. Demgegenüber stehen 40 Gesuche. Die IHK Schwaben hat es sich zum Ziel gesetzt, Menschen wieder stärker für das Unternehmertum zu begeistern und die Nachfolge als Option zum Einstieg in die Selbstständigkeit oder als Karrierechance stärker ins Bewusstsein zu rücken. „Für Gründungsinteressierte kann die Übernahme eines bestehenden Unternehmens eine hervorragende Alternative sein, weil man bereits auf bestehende Strukturen zurückgreifen kann“, berichtet Bräuer. Seit diesem Jahr bietet die IHK Schwaben daher neben Übergabe-Workshops auch Formate zur Übernahme an. „Eine gute Vorbereitung ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für die Fortführung“, sagt Bräuer.
