Im Gablonzer Haus würdigen Redner aus Deutschland und Tschechien die Aufbauleistung der Vertriebenen – Geschichte, Gablonzer Industrie und europäische Verständigung stehen im Mittelpunkt
Kaufbeuren-Neugablonz. 80 Jahre Neugablonz, 80 Jahre Neubeginn nach Flucht und Vertreibung – und zugleich der Blick auf eine Zukunft, die Deutsche und Tschechen heute gemeinsam gestalten: Beim Festakt am Sonntag, 13. September 2026, im Gablonzer Haus standen die Geschichte des Stadtteils, die Aufbauleistung seiner Gründerinnen und Gründer sowie Versöhnung und europäische Verständigung im Mittelpunkt.
Die Europahymne eröffnete den Festakt. Es folgten die Begrüßung durch Oberbürgermeister Stefan Bosse, Stadt Kaufbeuren, sowie Grußworte von Petr Beitl, in Vertretung für Primátor Miloš Vele aus der Partnerstadt Jablonec nad Nisou/Gablonz an der Neiße, Dr. Martin Posselt vom Gablonzer Archiv und Museum e. V., Petra Laurin vom Haus der tschechisch-deutschen Verständigung und Peter Seibt vom Bundesverband der Gablonzer Industrie. Die Festrede hielt Eric Beißwenger, Staatsminister für Europaangelegenheiten und Internationales und Mitglied des Bayerischen Landtags. Der offizielle Ablauf sah genau diese Reihenfolge vor.
Bilder der Veranstaltung
























Stefan Bosse: Neugablonz als Teil der Seele Kaufbeurens
Oberbürgermeister Stefan Bosse erinnerte daran, unter welchen Bedingungen Neugablonz ab 1946 entstand. Die aus Gablonz an der Neiße vertriebenen Menschen fanden hier keine fertige neue Stadt vor. Sie kamen auf ein vom Krieg gezeichnetes Gelände mit Baracken und Trümmern. Was sie jedoch mitbrachten, seien handwerkliches Können, Unternehmergeist, Fleiß und der Wille gewesen, sich eine neue Heimat aufzubauen.
Sie gründeten Werkstätten und Betriebe, bauten Wohnungen, riefen Vereine ins Leben und füllten Kirchen und Schulen mit Leben. Aus diesen Anfängen entwickelte sich ein Stadtteil mit einer eigenen Identität. Bosse bezeichnete Neugablonz deshalb als einen unverzichtbaren Teil der Seele Kaufbeurens.
„Neugablonz ist ein Glücksfall für Kaufbeuren“, erinnerte der Oberbürgermeister an eine Aussage, die er bereits vor Jahren getroffen hatte. 80 Jahre nach der Gründung gelte dieser Satz mehr denn je. Kaufbeuren wäre ohne Neugablonz nicht die Stadt, auf die man heute gemeinsam stolz sei.
Bosse verwies zugleich auf die wirtschaftliche Entwicklung. Aus kleinen Familienbetrieben sei ein industrielles Netzwerk entstanden. Schmuck, Glas, Metall- und Kunststoffverarbeitung hätten den Stadtteil geprägt. Heute stünden rund 70 Unternehmen mit etwa 2.000 Arbeitsplätzen für die wirtschaftliche Bedeutung Neugablonz‘.
Erinnerung und Versöhnung gehören zusammen
Der Oberbürgermeister erinnerte aber auch an das Leid, das am Anfang dieser Geschichte stand. Millionen Menschen verloren durch die Vertreibung ihre Heimat, viele auch Angehörige und ihre gesamte Existenz. Dieses Leid dürfe nicht relativiert und nicht vergessen werden. Gerade deshalb seien Worte und Gesten der Versöhnung von besonderer Bedeutung.
Bosse erinnerte in diesem Zusammenhang an Petr Beitl und dessen Worte beim Jubiläum vor zehn Jahren. Aus einer schmerzhaften gemeinsamen Geschichte sei inzwischen eine vertrauensvolle Partnerschaft entstanden. Begegnungen zwischen Schulen, Vereinen, Musikgruppen und Bürgerinnen und Bürgern zeigten für Bosse, dass Versöhnung möglich sei.
Eine wichtige Rolle bei der Weitergabe der Geschichte komme dem Isergebirgs-Museum zu. Die Generation der Gründerinnen und Gründer werde kleiner. Umso wichtiger sei es, ihre Geschichte zu bewahren und für junge Menschen verständlich zu machen. „Erinnerung ist Orientierung für die Zukunft“, betonte Bosse.
Petr Beitl: Die gemeinsame Geschichte als Auftrag
Petr Beitl richtete seinen Blick bewusst nicht nur zurück. Vor zehn Jahren habe er beim 70. Jubiläum vor allem über Krieg, Vertreibung, Heimatverlust und die Kraft der Menschen gesprochen, sich eine neue Heimat aufzubauen. Beim 80. Jubiläum wolle er auch über die Zukunft sprechen.
Die Zusammenarbeit zwischen den Menschen und den Städten habe sich über viele Jahre entwickelt. Heute befinde man sich in einer Phase einer gefestigten Gemeinschaft. Tschechien und Bayern seien nicht mehr durch eine physische oder mentale Grenze voneinander getrennt, sondern Nachbarn, Verbündete und Partner in Europa.
Beitl stellte vier Begriffe heraus, die für ihn eine tragfähige Beziehung ausmachen: Vertrauen, Toleranz, Respekt und anständiges Verhalten. Die deutsch-tschechische Verständigung werde dabei nicht allein von der Politik getragen. Er verwies ausdrücklich auf Familien und Freunde, Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Kirchen, Sportler und Musiker.
Die nächste Aufgabe bestehe darin, die gewonnenen Erfahrungen an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Dabei stellte Beitl auch einen Bezug zum Krieg seit Februar 2022 her. Die Erfahrungen der Vergangenheit müssten sich gerade dann bewähren, wenn Menschen erneut Leid erfahren und ihre Heimat verlieren.
Zum Ende seiner Rede unterstrich Beitl, dass gute Beziehungen zwischen Völkern nicht in politischen Büros beginnen, sondern unter den Menschen.
Dr. Martin Posselt: Das Gablonzer Haus als Ort der Begegnung
Dr. Martin Posselt vom Gablonzer Archiv und Museum e. V. rückte ein weiteres Jubiläum in den Mittelpunkt: Vor 50 Jahren wurde das Gablonzer Haus eröffnet und der Saal eingeweiht, in dem nun der Festakt stattfand.
Posselt erinnerte an die bei der Grundsteinlegung eingemauerte Urkunde. Darin wurde der Auftrag formuliert, den Weg der Gablonzer und Isergebirgler zu dokumentieren, über das Leben und die Leistungen der Landsleute in alter und neuer Heimat zu berichten und die aus der verlorenen Heimat geretteten kulturellen Werte zu erhalten. Das Gablonzer Haus sollte dabei eine Stätte der Begegnung, ein Mittelpunkt des kulturellen Lebens und ein zentraler Ort heimatlicher Verbundenheit werden.
Aus kleinen Anfängen sei das Isergebirgs-Museum aufgebaut worden. Zum Jahresende soll mit der Verlegung des Museumseingangs vom Untergeschoss ins Erdgeschoss ein weiterer Entwicklungsschritt abgeschlossen werden. Das Gablonzer Haus solle weiterhin ein Ort der Begegnung und zugleich Zeugnis der Verbundenheit mit der Herkunftsheimat im Isergebirge sein.
„Wie zwei Pfeiler einer Brücke“
Posselt stellte dieser Einrichtung das Haus der tschechisch-deutschen Verständigung gegenüber. Beide Häuser seien „wie zwei Pfeiler einer Brücke“.
Dabei erinnerte er an Franz Rieger, der sich nach 1989 dafür eingesetzt hatte, das letzte erhaltene Haus in Rýnovice vor dem Abriss zu retten und daraus einen Ort der Verständigung und Bildung im europäischen Geist zu machen.
Posselt würdigte außerdem ausdrücklich die langjährige Arbeit von Petra Laurin und gratulierte ihr zu ihrer Auszeichnung beim Sudetendeutschen Tag.
Petra Laurin: Aus Hindernissen wurde eine gemeinsame Aufgabe
Petra Laurin vom Haus der tschechisch-deutschen Verständigung knüpfte an diese Gedanken an. Sie erinnerte an die fast 30-jährige Zusammenarbeit und daran, dass der gemeinsame Weg nach der politischen Wende keineswegs selbstverständlich gewesen sei.
Am Anfang hätten Zweifel, Vorurteile, Wissenslücken und teilweise fehlendes Verständnis für die historischen Zusammenhänge auf beiden Seiten gestanden. Gerade diese Hindernisse seien jedoch zu einer Herausforderung geworden. Zunächst sei ein gemeinsamer Raum notwendig gewesen – ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen und miteinander sprechen konnten.
Heute verbinde beide Seiten weit mehr. Laurin sprach von einer gemeinsamen Aufgabe: das Erbe und die Kultur der Deutschen aus dem Isergebirge zu bewahren und den heutigen Bewohnerinnen und Bewohnern der Region einen Einblick in die gemeinsame deutsch-tschechische Geschichte zu ermöglichen.
Diese Aufgabe betreffe nicht nur die heutige Generation, sondern auch Kinder und Enkelkinder und damit das Zusammenleben in Europa. Schulen, Vereine und Musiker trügen ebenso dazu bei, diesen Gedanken weiterleben zu lassen.
Für Laurin zeigen die Jubiläen, dass Erinnerung bewahrt, Brücken gebaut und die gemeinsame Geschichte weitergetragen werden kann. Zu diesem Anlass überreichte sie ein Buch über Jablonec nad Nisou, in dem auch die gemeinsame Geschichte eine Rolle spielt.
Peter Seibt zeichnet den Weg der Gablonzer Industrie nach
Mit Peter Seibt vom Bundesverband der Gablonzer Industrie rückte anschließend die wirtschaftliche Geschichte in den Mittelpunkt. Er erinnerte daran, dass 2026 mehrere Jubiläen zusammentreffen – darunter 80 Jahre Neugablonz, 80 Jahre Bundesverband der Gablonzer Industrie und 50 Jahre Gablonzer Haus.
Seibt spannte den historischen Bogen zurück zur Gablonzer Industrie im Isergebirge. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten sich sowohl die Menschen als auch die Industrie, von der sie lebten, eine neue Heimat suchen. Diese fanden sie ab 1946 im heutigen Neugablonz.
Eine wichtige Rolle beim wirtschaftlichen Neubeginn spielte die damalige Glas- und Schmuckwarengenossenschaft. Sie beschaffte unter anderem Rohmaterialien, Maschinen, Werkzeuge und Energie. Seibt griff dazu auf ein Notizbuch seines Großvaters aus dem Jahr 1948 zurück und nannte Zahlen aus einer damaligen Genossenschafts-Hauptversammlung. Sie verdeutlichten, wie schnell sich nach dem Krieg wieder zahlreiche Betriebe entwickelten.
Heute sei der Bundesverband der Gablonzer Industrie ein Arbeits- und Wirtschaftsverband für kleine und mittelständische Unternehmen. Seit 20 Jahren betreibe er zudem die Erlebnisausstellung als Schaufenster und Verkaufsplattform für die Industrie. Hinzu komme seit mehr als zehn Jahren das Kreativzentrum. Eine Sonderausstellung gibt derzeit einen Einblick in 80 Jahre Produktion.
Eric Beißwenger: Aus einem Ort des Krieges wurde ein Ort des Neubeginns
Die Festrede hielt Eric Beißwenger, Staatsminister für Europaangelegenheiten und Internationales und Mitglied des Bayerischen Landtags. Auch er stellte die außergewöhnlichen Bedingungen heraus, unter denen Neugablonz entstand.
Die ersten Vertriebenen seien 1946 nicht freiwillig gekommen. Bei der Betrachtung von Flucht und Vertreibung müsse sowohl das Wissen um die deutschen Verbrechen des Nationalsozialismus als auch das Leid berücksichtigt werden, das Deutsche nach dem Krieg erfahren hätten. Beides gehöre zusammen und dürfe nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Die Menschen kamen auf ein Gelände, das von den Schrecken des Krieges geprägt war. Auf dem Areal einer ehemaligen Munitions- und Sprengstofffabrik entstand ein Ort des Neubeginns. Die Vertriebenen hätten zwar nur wenig materiellen Besitz mitbringen können, dafür aber ihre Fähigkeiten, ihr Wissen, ihre Erfahrung, ihre Handwerkskunst, ihre Kultur, ihre Traditionen und ihre Erinnerungen.
Darauf habe der Wiederaufbau der Gablonzer Industrie basiert. Aus kleinen Anfängen entstanden Werkstätten, Betriebe und Unternehmen; Wohnungen, Straßen und Häuser wurden gebaut.
Mut, Fleiß und Tatkraft
Hinter diesem Aufbau standen für Beißwenger Menschen, die trotz des Verlustes ihrer alten Heimat nicht aufgegeben hätten. Sie hätten Verantwortung für ihre Familien, ihre Nachbarschaft und ihre neue Heimat übernommen. Die Geschichte Neugablonz‘ sei deshalb auch eine Geschichte von Mut, Fleiß und Tatkraft und ein wichtiger Teil der bayerischen Wirtschaftsgeschichte.
Die Sudetendeutschen hätten Bayern dabei nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell bereichert. Integration bedeute nicht, die eigene Herkunft aufzugeben. Man könne in einer neuen Heimat ankommen, sich vollständig in die Gesellschaft einbringen und gleichzeitig die eigene Geschichte kennen und weitergeben.
Neugablonz als Beispiel deutsch-tschechischer Versöhnung
Von der Geschichte Neugablonz‘ schlug Beißwenger den Bogen nach Europa. Die zu Beginn erklungene Europahymne stehe für Frieden und das Zusammenleben der europäischen Völker. Europa sei auch die Geschichte von Menschen, die nach Krieg und Zerstörung wieder aufeinander zugegangen seien.
Gerade Neugablonz sei eng mit Jablonec nad Nisou/Gablonz an der Neiße verbunden. Diese Verbindung liege inzwischen nicht mehr ausschließlich in der Vergangenheit, sondern sei eine Verbindung der Gegenwart und Zukunft. Die Städtepartnerschaft verbinde zwei Städte, deren Geschichte durch Krieg, Nationalsozialismus, Flucht und Vertreibung auf besondere Weise miteinander verknüpft sei.
Heute könnten Deutsche und Tschechen gemeinsam in Neugablonz feiern – in Freundschaft und Verbundenheit.
Beißwenger weitete den Blick schließlich auf die Beziehungen zwischen Bayern und Tschechien. Heute verbänden beide Länder zahlreiche Hochschul-, Schul- und kommunale Partnerschaften sowie enge wirtschaftliche Beziehungen. Gerade in Zeiten globaler Unsicherheit sei ein starkes Europa von Bedeutung. Die Europäische Union bezeichnete er in diesem Zusammenhang als Friedensprojekt.
Ein Signal der Freundschaft und des Friedens
Am Ende führte Beißwenger seine Gedanken wieder nach Neugablonz zurück. Der Stadtteil sei für ihn auch ein Symbol der Versöhnung – ein Beispiel dafür, wie aus Trennung wieder Verbindungen entstehen können.
Von dem Festtag solle ein Signal des Miteinanders, der Freundschaft und vor allem des Friedens ausgehen. Die Geschichte Neugablonz‘ zeige, dass Menschen Schweres erleben und dennoch neue Brücken bauen können. Seine Rede beendete Beißwenger mit dem Wunsch für die kommenden Jahrzehnte und für die deutsch-tschechische Freundschaft: „In diesem Sinne, auf die nächsten 80 Jahre Neugablonz, auf die bayerisch-tschechische Freundschaft und vor allem auch auf ein starkes, vereintes und friedliches Europa.“
Festakt endet mit deutscher und tschechischer Nationalhymne
Zum Programm gehörte auch das Theaterstück „Feierabend“ des Theaters im Turm. Nach den Grußworten erklang das Musikstück „Muzne vpred“ (Mutig voran). Im Anschluss an seine Festrede trug sich Staatsminister Eric Beißwenger in das Goldene Buch der Stadt Kaufbeuren ein.
Den Abschluss bildeten die tschechische Nationalhymne und die Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland, gespielt von der Musikvereinigung Neugablonz mit der Partnerkapelle Mladá Dechovka. Damit endete ein Festakt, der die Erinnerung an Vertreibung und Neubeginn mit dem Blick auf Versöhnung, Freundschaft und die gemeinsame Zukunft in Europa verband.



















