Rathaussturm 2026 in Kaufbeuren: Narren übernehmen das Regiment – und verteidigen das Ehrenamt

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Der Kaufbeurer Rathaussturm am 12.02.2026. Foto: Aufbruch-Umbruch

Wortgefecht, Wahlkampf und klare Botschaften am 12. Februar

Der Rathaussturm am 12. Februar 2026 hat in Kaufbeuren erneut für Aufmerksamkeit gesorgt. Trotz unsicherer Wetterlage und angekündigtem Regen und Sturm hielten die Verantwortlichen am traditionellen Schlagabtausch fest. Der symbolische Machtwechsel zwischen Günther „Güschi“ Seydel und Oberbürgermeister Stefan Bosse wurde durchgeführt. Er fand vor dem Rathaus statt, wäre aber bei noch schlechterem Wetter ins Innere des Rathauses verlegt worden. Schon im Vorfeld war klar: Eine komplette Absage sollte vermieden werden. Der Rathaussturm gilt vielen als fester Bestandteil des Faschings in der Stadt.

15. Rathaussturm seit der Wiederbelebung

In seiner Begrüßung erinnerte Güschi an den Neustart der Tradition: „Vor 17 Jahren – im Fasching 2010 – haben Wolfgang Krebs und ich unsere beliebte Tradition, den Rathaussturm an Weiberfasching, wiederbelebt. Heute sind wir versammelt, um dies das 15. Mal zu schaffen.“ Wolfgang Krebs war beruflich verhindert, ließ jedoch Grüße ausrichten. Mit dabei waren die Kaufbeurer Wertachgarde, die Saskaler Armee, Aufbruch-Umbruch, Jürgen „Hausl“ Richter sowie die KG Kunstreiter Kaufbeuren als Gastgeber. Die Kunstreiter spendierten traditionell die Krapfen nach dem Sturm.

Anfeindungen im Netz: Bühnenabschied wird überdacht

Neben dem närrischen Treiben wurde auch ein ernstes Thema angesprochen. Nach der Absage der Burongaudi war es im Internet zu teils heftigen Reaktionen gekommen. Güschi Seydel und Hausl Richter fanden dazu deutliche Worte. Kritik, Anschuldigungen und Unterstellungen schadeten aus ihrer Sicht dem Ehrenamt – insbesondere, wenn sie von Personen kämen, die selbst keine Verantwortung in der Organisation großer Veranstaltungen übernehmen.

Im Zuge der Anfeindungen erklärten beide, sich davon nicht beeinflussen zu lassen und ihren angekündigten Abschied von dieser Bühne nochmals zu überdenken. Seydel betonte zudem, dass er die Burongaudi zwar nur interimsweise übernommen habe, sie im kommenden Jahr jedoch nochmals selbst verantworten wolle. Mit der diesjährigen Absage wolle er die Veranstaltung nicht aus der Hand geben.

Gereimte Spitzen und gespielter Zorn: Das Streitgespräch

Der Höhepunkt war erneut das gereimte Wortgefecht zwischen Güschi und OB Bosse – mit viel Ironie, politischen Seitenhieben und bewusst überspitztem Zorn. Bosse eröffnete mit einer Mischung aus Lob und Kampfansage. Mit fast 70 höre man nicht einfach auf, wenn man über Jahrzehnte den Fasching geprägt habe. Und überhaupt: Er werde die Wahl gewinnen, „und damit ist klar, wir streiten hier weiter die nächsten sechs Jahr´“.

Güschi wies die Nettigkeiten zurück – Rathaussturm sei kein Ort für Sanftmut. „Jetzt rück Deine Schlüssel flott raus“, forderte er, verwies auf „leere Kassen“ und kündigte an, bis Aschermittwoch zu zeigen, „wie’s geht, wenn man einfach nur sein Handwerk versteht“. Bosse konterte scharf. Die Tür bleibe zu, die Narren seien „Maulhelden“ und wollten ausgerechnet Sparsamkeit predigen, während sie in der fünften Jahreszeit Geld „verjubeln“. Mit Blick auf 1960 mahnte er augenzwinkernd: „Mach bloß kein Feuer, der Wiederaufbau kommt uns teuer.“

Güschi erinnerte an das Vorjahr: Vieles sei versprochen worden, doch „kaum warst Du wieder an der Macht“, sei es vergessen gewesen. Im Wahlkampf werde dem Wähler wieder viel zugesichert – aus Angst vor der Abwahl. Auch die wachsenden Schulden und fehlender Weitblick wurden in Reime gepackt. Bosse drehte den Spieß um und nahm die Narren selbst ins Visier: Wer „wochenlang nur Schampus trinken“ könne, solle nicht über Haushaltsdisziplin dozieren. Der Ton wurde lauter, der „Schuldenturm“ beschworen, die Türen symbolisch „verrammelt“.

Doch wie es das Ritual verlangt, folgte die Wende. Bosse bot „Brot, Bier und Wein“ sowie den „Friedenstrunk“ an und übergab den Schlüssel „zu treuen Händen“. Güschi erklärte daraufhin:

„Wir haben’s wieder mal vollbracht,
der Fasching ist jetzt an der Macht.“

Mit einem „Hüh-Hott, Muh-Haggl und Schwaben-weiß-blau“ war das Rathaus erneut in Narrenhand.

Hausl Richter: „So dia Beira…“ – Dialekt, Derblecken und viel Selbstironie

Dann kam Hausl. Und mit ihm der Dialekt.

„So dia Beira, griaßts eich Gott, jedes Johr derselbe Trott“, begann er – und stellte gleich klar: „In dr Kälten standat mir da doba, miaß mer eis o sell mol loba, trotzen wir selbst Schnee und Schturm, und auf uns herunter grüßt der Fünfknopfturm!“ Besonders begrüßte er eine Schülergruppe aus Paris. Mit einem dreifachen „Vive la France“ hieß er sie willkommen – und witzelte, sie würden wahrscheinlich kein Wort verstehen und daheim erzählen: „Dia Deitscha send dodal verruckt!“

In seiner Rede nahm Hausl halb schimpfend, halb schmunzelnd alles aufs Korn, was Kaufbeuren bewegt: leere Kassen, das Hallenbad, Baustellen, Stadtbild, E-Roller-Fahrer „ohne Liacht“, die „grad aus fahrat und it links und rechts schauat“. Auch die geschlossenen Toiletten im Rosental blieben nicht verschont. Wenn’s koa Klo mehr gibt, „na kennat dr getrost an dia mobila Baim oifach naseicha“ – ein typischer Hausl-Satz zwischen Derbheit und Lacher.

Er wetterte gegen Dauer-Nörgler:
„Bittschea, na mochats doch sell alle besser,
hört’s auf mit dem Gjammer.“

Gleichzeitig zeigte er Heimatstolz: Trotz allem sei Kaufbeuren „a scheane Schtadt“. Man müsse halt zusammenhalten. Selbst weltpolitische Themen fanden Platz. Autokraten bekamen ihr Fett weg – deutlich formuliert, aber eingebettet in die närrische Übertreibung:

„Ja liabe Leit, jeatz hammer mea glacht, doch i weiß it wia´s weltweit so weiter goht, i denk mir “Guat Nacht”. was do alls passiert, denk i mir gibts bloß no Deppen, wenn i kennt dät i dean Putin, Orban, Erdogan und Trump oifach verschleppen, und eana ins Gsicht schreia, jeatz gend doch a Ruah, Hurrasaxndi, nehmt ihr Drogen? Alkohol und seit ständig bloß zua, wir wollen Frieden, koin Krieg, jetzt herat mol auf, am liabschta dät i all verschlaga, in an Sack nei und jeder haut drauf, wir sind doch alls Menscha und jeder wills schea, aber SAUDUMME Arschlecher weads leider allat gea!“

Ein Rathaus in Narrenhand

Am Ende des Schlagabtauschs war das Ritual vollzogen. Der Schlüssel wechselte den Besitzer – und Güschi erklärte in gewohnter Reimform die närrische Regentschaft:

„Herr Oberbürgermeister, eins ist klar,
wir übernehmen jetzt wie jedes Jahr
ab sofort hier das Regieren,
werden den Rat und Sie abführen.
In die Kasse schauen wir nicht rein,
denn da wird nicht viel drinnen sein.
Wir haben’s wieder mal vollbracht,
der Fasching ist jetzt an der Macht.“

Mit einem donnernden
„Hüh-Hott, Muh-Haggl und Schwaben-weiß-blau“
war das Rathaus endgültig in Narrenhand – zumindest bis Aschermittwoch.

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