Erfahrungen aus internationalen Katastropheneinsätzen für den Bevölkerungsschutz in Deutschland

Image

Vortrag im BRK-Zentrum für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Hersbruck über Lehren aus 40 Jahren internationaler humedica-Arbeit

Vortrag im BRK-Zentrum für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Hersbruck

Was können wir in Deutschland von internationalen Katastropheneinsätzen lernen? Um diese Frage ging es bei einer Veranstaltung zum Thema Bevölkerungsschutz, zu der Wolfgang Groß, Gründer und Vorstand der Stiftung Nächstenliebe in Aktion und langjähriger Geschäftsführer der internationalen Hilfsorganisation humedica, als einer von drei Referenten eingeladen war.

Die Veranstaltung fand am 7. Mai 2026 im BRK-Zentrum für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Hersbruck statt. Unter den Gästen waren auch der Landrat des Landkreises Nürnberger Land, Armin Kroder, sowie der Erste Bürgermeister der Stadt Hersbruck, Robert Ilg.

Wolfgang Groß sprach unter dem Titel „Bevölkerungsschutz: Erfahrungen aus internationalen Krisenregionen – Was können wir daraus lernen?“ über zentrale Erkenntnisse aus rund vier Jahrzehnten internationaler humanitärer Hilfe. Von 1979 bis 2019 leitete er als Geschäftsführer die in Kaufbeuren gegründete Hilfsorganisation humedica, deren Schwerpunkt auf internationaler Katastrophen- und Nothilfe liegt. In dieser Zeit war humedica nach Erdbeben, Überschwemmungen, Wirbelstürmen, Epidemien, Kriegen und Fluchtbewegungen in zahlreichen Krisenregionen der Welt im Einsatz.

Dabei machte Groß gleich zu Beginn deutlich, dass sein persönlicher Weg in den sozialen und humanitären Dienst nicht erst mit humedica begann. Bereits 1970, im Alter von 16 Jahren, besuchte er beim BRK-Kreisverband Ostallgäu in Marktoberdorf einen Sanitätskurs. Anschließend half er im Rahmen seiner damaligen Möglichkeiten in der damals noch als Sanitätskolonnebezeichneten Gruppe mit. „Wenn man es so nennen möchte, begann dort meine soziale Karriere“, so Groß. Rückblickend sei dies für ihn ein prägender erster Schritt gewesen: die Erfahrung, dass Hilfe nicht abstrakt bleibt, sondern ganz konkret wird, wenn Menschen bereit sind, sich ausbilden zu lassen, Verantwortung zu übernehmen und für andere da zu sein.

In seinem Vortrag machte Groß deutlich, dass gute Hilfe nicht erst im Katastrophengebiet beginnt. Wer in einer Krise wirksam helfen will, brauche Vorbereitung, klare Strukturen, verlässliche Partner, geschulte Einsatzkräfte und eine belastbare Logistik. Gerade internationale Einsätze zeigten immer wieder, dass guter Wille allein nicht ausreiche. Mitgefühl müsse mit Professionalität, Planung und Verantwortungsbewusstsein verbunden werden.

Ein besonderer Schwerpunkt seines Beitrags lag auf der Bedeutung von Logistik und Koordination. Medikamente, Verbandsmaterial, Zelte, Stromversorgung, Wasser, Funk, Dokumentation und Schutzmaterial seien keine Nebensächlichkeiten, sondern entscheidende Voraussetzungen dafür, dass Hilfe tatsächlich bei den betroffenen Menschen ankomme. Diese Erfahrung lasse sich auch auf den Bevölkerungsschutz in Deutschland übertragen: Zuständigkeiten, Vorräte, Kommunikationswege und Entscheidungsstrukturen müssten vor einer Krise geklärt sein – nicht erst, wenn Menschen bereits unmittelbar betroffen seien.

Groß erinnerte auch daran, dass Katastrophen trotz unterschiedlicher Ursachen oft ähnliche Auswirkungen haben: Infrastruktur bricht zusammen, Kommunikation wird schwierig, Behörden und Gesundheitssysteme geraten unter Druck, Menschen verlieren Orientierung, Sicherheit, Angehörige, Wohnung oder Lebensgrundlage. In solchen Situationen dürfe Hilfe nicht zusätzlich Unordnung schaffen. Gute Hilfe müsse in einer chaotischen Lage Ordnung, Vertrauen und Entlastung bringen.

Ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte von humedica war die Zertifizierung als Emergency Medical Team durch die Weltgesundheitsorganisation WHO. Am 18. September 2018 konnte Wolfgang Groß in Rom das entsprechende Zertifikat aus den Händen von WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus entgegennehmen. Für Groß war dies nicht nur eine Auszeichnung, sondern die Bestätigung eines langen Entwicklungsweges: Internationale Katastrophenhilfe brauche fachliche Standards, trainierte Teams, klare Abläufe und die Fähigkeit, sich in internationale Koordinationsstrukturen einzufügen.

Dabei blieb sein Vortrag nicht bei organisatorischen und fachlichen Fragen stehen. Groß machte deutlich, dass Bevölkerungsschutz immer auch eine Frage von Menschlichkeit und Beziehung ist. In Krisen gehe es nicht um Strukturen um ihrer selbst willen, sondern um verletzte Kinder, verängstigte Familien, ältere Menschen, Menschen mit Behinderung, Kranke, Einsame und um Einsatzkräfte, die geschützt und gut geführt werden müssten.

Aus den internationalen Erfahrungen leitete Groß mehrere Grundsätze für den Bevölkerungsschutz in Deutschland ab: Vorbereitung entscheidet. Zuständigkeiten müssen vor der Krise klar sein. Kommunikation muss auch dann funktionieren, wenn Technik ausfällt oder Informationen unsicher sind. Ehrenamt braucht Ausbildung, Begleitung und Wertschätzung. Und besonders wichtig: Menschen und Organisationen, die sich vor einer Krise kennen, arbeiten in einer Krise schneller, vertrauensvoller und wirksamer zusammen.

Diese Erkenntnisse verbindet Groß heute auch mit der Arbeit der Stiftung Nächstenliebe in Aktion in Kaufbeuren/Neugablonz. Dort betreibt die Stiftung unter anderem das Family Center mit dem integrierten Secondhand-Kaufhaus Family Store. Was auf den ersten Blick wie ein soziales Kaufhaus erscheint, versteht Groß auch als eine Form praktischer Krisenvorsorge im Alltag: Menschen werden unterstützt, Ressourcen werden geteilt, Begegnung entsteht, und in besonderen Notlagen kann schnell und unbürokratisch geholfen werden.

Als Beispiel nannte Groß eine Fluthilfeaktion im Jahr 2024 im Unterallgäu. Menschen, die durch Wassereinbruch Möbel und Haushaltsgegenstände verloren hatten, konnten durch gesammelte und gut erhaltene Gebrauchtwaren aus dem Family Store konkret unterstützt werden. Auch solche Erfahrungen zeigten, dass Bevölkerungsschutz nicht erst mit großen Einsatzplänen beginnt, sondern mit tragfähigen Strukturen vor Ort: mit Lagermöglichkeiten, Kontakten, Fahrzeugen, Helferinnen und Helfern, Vertrauen und der Bereitschaft, im richtigen Moment Verantwortung zu übernehmen.

Sehr persönlich wurde Groß, als er über die geistliche Motivation seiner jahrzehntelangen Arbeit sprach. Seit rund 40 Jahren stehe ein Bibelvers aus Sprüche 3,27 auf seinem Schreibtisch: „Weigere dich nicht, dem Bedürftigen Gutes zu tun, wenn deine Hand es vermag.“ Dieser Satz habe ihn in seiner Arbeit tief geprägt. Für ihn sei er nie nur ein schöner Gedanke gewesen, sondern eine Art Lebensauftrag. Sein Vertrauen in Gottes Führung und Schutz habe ihm in vielen schwierigen Situationen geholfen, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.

Zum Abschluss brachte Groß seine Erfahrungen in einem Satz auf den Punkt: „Mitgefühl ohne Vorbereitung bleibt oft hilflos. Vorbereitung ohne Mitgefühl bleibt kalt. Bevölkerungsschutz braucht beides.“

Gerade deshalb beginne Bevölkerungsschutz nicht erst dann, wenn Sirenen heulen oder Einsatzkräfte alarmiert werden. Er beginne heute – mit Vorbereitung, Verantwortung, verlässlichen Beziehungen und der Bereitschaft, füreinander einzustehen.

Zurück


Newsletter

JETZT KEINE NACHRICHTEN MEHR VERPASSEN!
Hier für den kostenlosen Online-Newsletter von Wir sind Kaufbeuren anmelden.


Weitere Nachrichten
„Tracht spricht immer eine Sprache“
15. Juli 2026

„Tracht spricht immer eine Sprache“

Tracht spricht immer eine Sprache. Mit diesem Satz eröffnete Referentin…

ARTiger Sommer am Obstmarkt
15. Juli 2026

ARTiger Sommer am Obstmarkt

ARTiger Sommer am Obstmarkt Aus ARTigen Samstagen wird im Jahr…

Angriff aus dem Netz
15. Juli 2026

Angriff aus dem Netz

Cybermobbing Angriff aus dem Netz: Digitale Medien spielen im Alltag…

324 Mal der Weg zum Ziel – Zeugnisverleihung der FOSBOS Kaufbeuren im Modeon
14. Juli 2026

324 Mal der Weg zum Ziel – Zeugnisverleihung der FOSBOS Kaufbeuren im Modeon

Feierliche Zeugnisverleihung der FOSBOS Kaufbeuren im Modeon in Marktoberdorf: 324…

Kutsche kippt beim Festumzug in Kaufbeuren um
14. Juli 2026

Kutsche kippt beim Festumzug in Kaufbeuren um

Kutsche kippt beim Festumzug in Kaufbeuren um: Während des großen…


Weitere Nachrichten
Feierlicher Einzug von Kaiser Maximilian I. am Sonntag, 12.07.26
13. Juli 2026

Feierlicher Einzug von Kaiser Maximilian I. am Sonntag, 12.07.26

Feierlicher Einzug von Kaiser Maximilian I. am Sonntag, 12.07.26. Das…

Großer Festumzug begeistert wie jedes Jahr tausende Besucher beim Tänzelfest 2026
13. Juli 2026

Großer Festumzug begeistert wie jedes Jahr tausende Besucher beim Tänzelfest 2026

das Video – Großer Festumzug begeistert wie jedes Jahr tausende…

MVV-Gesellschafter stimmen für Beitritt Kaufbeurens
13. Juli 2026

MVV-Gesellschafter stimmen für Beitritt Kaufbeurens

MVV-Gesellschafter stimmen für Beitritt Kaufbeurens. Oberbürgermeister Stefan Bosse: „Wir freuen…


Weitere News

Veranstaltungen

Weitere News
Das Video vom traditionellen Einzug des Festwirts am Samstag, 11.07.2026 (Tänzelfest Kaufbeuren)
12. Juli 2026

Das Video vom traditionellen Einzug des Festwirts am Samstag, 11.07.2026 (Tänzelfest Kaufbeuren)

Das Video vom traditionellen Einzug des Festwirts am 11.07.2026 (Tänzelfest…

Lagerleben bei sommerlichem Kaiserwetter – Impressionen vom Freitag
12. Juli 2026

Lagerleben bei sommerlichem Kaiserwetter – Impressionen vom Freitag

Lagerleben bei sommerlichem Kaiserwetter – Impressionen vom Freitag, 10.07.2026 jetzt…


Angebote

Musterdächer aus der Ausstellung

Musterdächer aus der Ausstellung zu attraktiven Preisen

Abverkauf unserer Musterdächer aus der Ausstellung zu attraktiven Preisen und sofort verfügbar.
Mehrere Modelle in verschiedenen Ausführungen.

Bis zu 50 % reduzierte Einzelstücke

Gültigkeit des Angebots

Ab sofort. Solange der Vorrat reicht.

  • Weitere Informationen
  • Sonstiges

Mehrere Modelle in verschiedenen Ausführungen.

Kontakt

Firma: JOAS Kaufbeuren
Straße: Innovapark 20
PLZ Stadt: 87600 Kaufbeuren
Tel.: 08341 99 57 30
Email: info@joas-kaufbeuren.de
Internet: www.joas-kaufbeuren.de

Musterhaustüren aus der Ausstellung

Musterhaustüren aus der Ausstellung zu attraktiven Preisen

Abverkauf unserer Musterhaustüren aus der Ausstellung, verschiedene Modelle in mehreren Farben und Ausstattungsvarianten.
Größe 1,1 x 2,1 m.

Bis zu 50 % reduzierte Einzelstücke

Gültigkeit des Angebots

Ab sofort. Solange der Vorrat reicht.

  • Weitere Informationen
  • Sonstiges

Verschiedene Modelle in mehreren Farben und Ausstattungsvarianten.

Größe 1,1 x 2,1 m.

Kontakt

Firma: JOAS Kaufbeuren
Straße: Innovapark 20
PLZ Stadt: 87600 Kaufbeuren
Tel.: 08341 99 57 30
Email: info@joas-kaufbeuren.de
Internet: www.joas-kaufbeuren.de


Stellenanzeigen

Benachrichtung

Abonnieren Sie, um Benachrichtigungen zu erhalten, wenn neue Stellenangebote veröffentlicht werden

Preloader Logo
Lokal. Lebendig. Aktuell. Für Kaufbeuren und das Umland