Transformation ist weniger Hollywood – mehr Handwerk
Was würde eine echte Transformation für Kaufbeuren bedeuten?
Ganz konkret: schnellere und verständlichere Verwaltungsprozesse, modernere digitale Angebote, weniger Bürokratie und klarere Zuständigkeiten. Für die Wirtschaft heißt es: mehr Planungssicherheit, bessere Daten, effizientere Genehmigungen und ein Standort, der mit den Herausforderungen der Zukunft mithalten kann. Kurz: eine Stadt, die besser funktioniert – für alle.
Wer „Transformation“ hört, denkt oft an große Maschinen, die sich in Sekunden in riesige Roboter verwandeln. Die Älteren kennen das noch aus der Trickfilmserie der 80er, die Jüngeren aus Hollywood-Filmen voller Explosionen und metallischem Scheppern. Doch genau hier beginnt das Missverständnis.
Transformation in der echten Welt funktioniert ganz anders:
- Sie ist leiser, anstrengender und weniger spektakulär – aber dafür viel wirkungsvoller.
- Transformers verwandeln sich, weil es cool aussieht.
- Organisationen, Städte und Unternehmen verwandeln sich, weil sie es müssen, um zukunftsfähig zu bleiben.
Vom Kugellager zum Motion-Technology-Unternehmen
Ein Beispiel aus der realen Welt: mein Arbeitgeber Schaeffler, für den ich in der strategischen Digitalisierung arbeite. Lange galt Schaeffler als klassischer Autozulieferer – technisch stark, aber ein Teil eines großen Systems. Heute verfolgt das Unternehmen ein neues Selbstverständnis: The Motion Technology Company. Das klingt nach Marketing – ist aber handfeste Strategie. Während viele Firmen in der aktuellen Automobilkrise kämpfen, legt Schaeffler beim Aktienkurs plötzlich 60 % in einem Jahr zu.
Nicht wegen eines neuen Logos, sondern wegen echter Veränderung:
- neue Technologien
- neue Geschäftsfelder (z. B. E-Antriebe, Robotik, Rüstung)
- klare Zukunftsbilder
- und eine „Architektur“, die alles zusammenhält
Architektur heißt hier:
Wie Prozesse, Fähigkeiten, Daten, Systeme und Ziele so aufeinander abgestimmt werden, dass die Organisation als Ganzes funktioniert – nicht als Stückwerk.
Transformation heißt also nicht nur, die Form zu wechseln. Transformation heißt, innen wie außen neu zu denken. Und sie ist kein Projekt – sondern eine Fähigkeit.
Und Kaufbeuren? Wo steckt unser innerer „Optimus Buron“?
Transformation klingt groß und mächtig – fast zu monumental für eine Stadt wie Kaufbeuren. Aber genau hier wird es spannend: Kommunale Transformation muss nicht laut sein. Sie muss verständlich sein. Denn eine Stadt ähnelt in vieler Hinsicht einer Organisation im Wandel:
- viele unterschiedliche Interessensgruppen (Bürger:innen, Politik, Verwaltung, Vereine, Wirtschaft)
- gewachsene Strukturen
- Abhängigkeiten, die man erst erkennt, wenn man etwas ändern will
- veränderte Rahmenbedingungen (Corona-Krise, Finanzkrise etc.)
Um diesen Wandel zu steuern, gibt es Werkzeuge wie Enterprise Architecture Management (kurz EAM). Das klingt kompliziert, bedeutet aber etwas Einfaches:
EAM hilft, eine Organisation (z. B. Unternehmen oder Kommune) als Gesamtsystem zu verstehen – also Prozesse, Daten, Fähigkeiten, IT, Organisation und Ziele miteinander abzustimmen.
Und TOGAF?
Das ist ein international anerkanntes Rahmenwerk, ein „Bauplan“, der beschreibt, wie man:
- den heutigen Zustand versteht (IST)
- das Zielbild beschreibt (SOLL)
- den Weg dorthin strukturiert plant.
Kurz: Es hilft, planvoll statt zufällig zu modernisieren.
Warum beginnt echte Transformation bei Daten?
Viele erwarten, dass Transformation mit Bauprojekten, Umstrukturierungen oder digitalen Formularen beginnt. Doch der erste Schritt ist unsichtbar: Transformation beginnt mit Daten. Und mit Transparenz.
- Daten machen Abläufe sichtbar (z. B. wo Anträge hängen bleiben).
- Transparenz macht Entscheidungen nachvollziehbar (z. B. warum eine Straße saniert wird).
- Architektur sorgt dafür, dass beides steuerbar ist – also nicht im Chaos endet.
Eine Stadt braucht ein gemeinsames Verständnis davon:
- wie sie heute arbeitet
- wo Abhängigkeiten bestehen
- welche Systeme welche Daten nutzen
- wo Doppelarbeit entsteht
- und wie sie in Zukunft funktionieren soll
Das klingt selbstverständlich – ist es aber nicht. Viele Kommunen springen direkt zum „Lösungen kaufen“, statt erst zu verstehen, was sie eigentlich brauchen.
Ein kommunales EAM würde Kaufbeuren unterstützen:
- Abhängigkeiten sichtbar zu machen
- Redundanzen zu vermeiden
- Schnittstellen zu standardisieren (damit Services zusammenspielen)
- digitale Angebote für Bürger:innen zu verbessern
- Haushaltsentscheidungen fundierter zu treffen
- Datenquellen zu verbinden
- eine klare, nachvollziehbare Zukunftsvision zu entwickeln
- Prozesse zu beschleunigen
Kurz: effizienter und schneller zu arbeiten, um u. a. Geld zu sparen und flexibler aufgestellt zu sein.
Transformation entsteht nicht durch hektisches Handeln – sondern durch strukturiertes Verstehen und gemeinsames Ausrichten.
Was müsste Kaufbeuren tun?
Keine Revolution.
Keine Laserkanonen.
Keine Roboter, die sich in Ampelmasten verwandeln.
Sondern:
- Daten sammeln, ordnen und sichtbar machen
- Grundsätze für die Stadt-„Architektur“ definieren: (z. B. Offenheit, Wiederverwendbarkeit, Transparenz, Standardisierung)
- ein gemeinsames Zielbild entwickeln, das auch Nicht-Fachleute verstehen
- Prozesse über Ressortgrenzen hinweg visualisieren und abstimmen
- mutig Klarheit schaffen statt Stückwerk produzieren
Wenn Verwaltung, Politik und Stadtgesellschaft ein gemeinsames Bild vom „Ziel-Kaufbeuren“ haben, entsteht Transformation fast automatisch. Nicht laut, aber nachhaltig.
Fazit: Transformation ist weniger Hollywood – mehr Handwerk
Während Transformers ihre Form wechseln, um Endgegner zu besiegen, verändern Städte sich, um ihre Zukunft zu sichern. Oft sieht das nach außen unspektakulär aus – doch innerlich bedeutet es:
- ein neues Denken
- ein neues Arbeiten
- ein neues Selbstverständnis
Transformation ist kein Spektakel.
Transformation ist eine Fähigkeit.
Und vielleicht ist das die größte Gemeinsamkeit zwischen Optimus Prime und einer Kommune:
Beide müssen zuerst verstehen, wer sie sein wollen – bevor sie sich verwandeln können.



















