Abschied vom Mythos – Augenblicke am Berliner Platz Teil 3

Manfred Kraus über die altehrwürdige Eishalle am Berliner Platz

Werbeaktion für neue Fördermitglieder, Foto: Marketingagentur Tenambergen
Foto: Manfred Kraus

Es ist das Ende einer Ära. Das zu behaupten, bedarf keiner Übertreibung. Wenn Sie anrollen, die Abrissbagger, geht tatsächlich eine Epoche zuende. Noch aber bleibt Zeit. Um Abschied zu nehmen. Von einem Mythos, der ein Sehnsuchtsort ist und eine Herzensangelegenheit dazu. Ein ganzes Jahr. Nur noch ein Jahr. Er soll beben, der Berliner Platz, in diesem Jahr, das sein letztes sein wird. Nach einem halben Jahrhundert, in dem er dem ESVK Heimat gewesen ist. Bald werden wir ihn nur noch in unserer Erinnerung bewahren. Ihn, der jahrzehntelang zu uns gehörte wie der Weg zum Bäcker am Samstagmorgen. Manchmal muss halt etwas aufhören, damit es weitergehen kann.

Einstweilen sammeln wir Augenblicke. Heute tun dies zwei Männer für uns, die als eingefleischte Fußballanhänger zum Berliner Platz kamen und ihn als begeisterte Eishockeyfreunde wieder verließen. Der eine, Thomas Baumgartner aus Unterschleißheim, erzählt just von dem Abend, als dies geschah, der andere, Uli Niedermair aus Krumbach, von einem Augenblick gut drei Jahre nach seinem Schlüsselerlebnis.

“Vor fünf Jahren durfte ich mein erstes Eishockeyspiel besuchen. Als ursprünglicher Fußballfanatiker wurden mir an diesem Tag die Augen für diesen tollen Sport geöffnet. Zwar verfolge ich als Münchner nun die Spiele des EHC, doch bin ich stolz darauf, dass ich mein Herz für das Eishockey am Berliner Platz entdecken durfte. Der ESV Kaufbeuren gewann damals 5:2 gegen Ravensburg. Das Ergebnis aber ist in den Hintergrund gerückt, zu beeindruckt war ich von dem Drumherum. Der ESVK hat den Abend in diesem sympathischen Stadion zu etwas ganz Besonderem für mich gemacht. Unvergesslich bleibt für mich die packende Atmosphäre. Der Jubel, als der Puck im Netz einschlug. Und die Sympathie für einen Verein, die an diesem Abend fast zu greifen war. Zu gut kann ich seit diesem Erlebnis meinen Schwager verstehen, der dem ESVK von Spiel zu Spiel im Stadion am Berliner Platz die Daumen drückt. Danke für die Augenblicke in dieser traditionsreichen Eishalle.” (Thomas Baumgartner, 36, Unterschleißheim)

“Es ist der 30. Dezember 1989. Einer jener stimmungsvollen Spieltage in der besonderen Eishockeyzeit zwischen Heiligabend und Dreikönig, wo die Eishockeyspieler den ach so sehr belasteten Fußballprofis wieder einmal zeigen, was echte Kerle sind. Jeden zweiten Tag stehen sie auf dem Eis. Die Stimmung beim ESVK ist indessen trotz der ans Gemüt gehenden Zeit alles andere als rosig, wurden doch in den Wochen vor Weihnachten richtungsweisende Spiele vergeigt, wodurch der Kontakt zu den Spitzenteams aus Nürnberg und Bayreuth verloren ging. Hinzu kommt der langwierige Ausfall des kanadischen Topverteidigers und späteren österreichischen Nationaltrainers Emanuel “Manny” Viveiros, der erst spät durch den Olympiavierten von Calgary, einen gewissen Serge Roy, kompensiert wird. Ich bin an diesem ungemütlichen, nasskalten Abend unter der Woche nicht allein am Berliner Platz, habe ich doch unseren Krumbacher C-Jugend-Torjäger Robin Schmid dazu überreden können, mich erstmals nach Kaufbeuren zu begleiten. Wir stehen auf der Gegengeraden unmittelbar hinter der Spielerbank. Außer uns sind gerade einmal 1842 Zuschauer im Stadion, darunter eine kleine Abordnung des in der Tabelle weit hinterher hinkenden Gegners EC Bad Tölz. Trotzdem. Es ist ein Traditionsduell, dessen erstes Drittel nach zerfahrenem Verlauf und beidseitigen Abwehrschwächen allerdings mit einem mageren 3:2 für den ESVK endet. Da ahnt noch niemand, dass eines der spektakulärsten Mitteldrittel meiner mittlerweile knapp dreißig Eishockeyjahre am Berliner Platz folgen würde. Neuverteidiger Serge Roy reißt plötzlich das Spiel an sich. Mit genialen Anspielen in die Tiefe. Mit satten Schlagschüssen aus dem Hüftgelenk. Der Kanadier, über dessen Nachlässigkeiten im Defensivspiel wir den Mantel des Schweigens breiten wollen, zeigt Tricks hinter dem eigenen Tor. Er spielt die armen Tölzer schwindlig. In wenigen Minuten wird der Spielstand von 3:2 auf 9:2 geschraubt. Der Berliner Platz bebt. Nach dem Schlussdrittel steht für die bemitleidenswerten Tölzer Buam ein 4:14-Debakel an der Anzeigetafel, der höchste Kaufbeurer Sieg, den ich in drei Jahrzehnten bejubeln habe dürfen. Serge Roys Bilanz als Verteidiger: drei Tore und sieben Assists. Restlos begeistert ist auch mein jugendlicher Begleiter Robin, der von diesem Moment an zum ESVK-Sympathisanten wird, später über die Tätigkeit als Vereinsjugendsprecher in Krumbach den Zugang zum Mediengeschäft findet, viele Jahre bei TV Augsburg, SAT 1 und anderen Sendern arbeitet und mittlerweile in einer privaten Filmproduktionsgesellschaft einen gut dotierten Job hat. Der vorletzte Dezembertag 1989 aber wird zum Startpunkt einer unglaublichen Aufholjagd des ESVK. Der Tabellenzweite EHC 80 Nürnberg wird nach 0:2 mit 10:5 weggefegt und Spitzenreiter SV Bayreuth mit 8:2 am Berliner Platz demontiert. Das Happyend aber bleibt uns verwehrt. Auf uns wartet nämlich noch jener denkwürdige 8. April 1990, als uns Damian Adamus und seine Freiburger in wenigen Minuten aus allen seligen Aufstiegsträumen reißen.” (Uli Niedermair, 56, Krumbach)

Haben auch Sie einen Lieblingsaugenblick rund um den Berliner Platz? Dann setzen Sie sich doch über abm.kraus@googlemail.com per Email mit Manfred Kraus in Verbindung. Wir alle freuen uns auch auf Ihren Augenblick am Berliner Platz.

Text: Manfred Kraus

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