Abschied vom Mythos – Augenblicke am Berliner Platz Teil 1

Manfred Kraus über die altehrwürdige Eishalle am Berliner Platz

Werbeaktion für neue Fördermitglieder, Foto: Marketingagentur Tenambergen
Foto: Manfred Kraus

Der traditionsreiche Eissportverein Kaufbeuren nimmt Abschied von einem Mythos. Seine altehrwürdige Eishalle am Berliner Platz geht in ihr letztes Spieljahr, um dann für immer ihre Pforten zu schließen. Bleiben werden Erinnerungen, Gedanken, Bilder und vor allem das, was der Sehnsuchtsort längst schon ist. Ein Gefühl.

Beinahe ein halbes Jahrhundert ist ins Land gezogen. Seit damals. Neunundsechzig. Als die seinerzeit hochmoderne Arena im Jordanpark den Platz des unüberdachten Freiluftstadions, das mit seinem Kunsteis und seinen Holztribünen schon achtundfünfzig einen Meilenstein gesetzt hatte, einnahm. Nun ist sie selber in die Jahre gekommen. Ihre Tage sind gezählt. Sie steht an der Schwelle zu ihrem letzten Wegstück, das verspricht ein emotionales zu werden, verbleibt der rotgelben Eishockeyfamilie doch nur noch dieses eine Spieljahr, um stimmungsvoll Abschied zu nehmen von ihr. Höher werden die rotgelben Herzen noch einmal schlagen, jedoch weht auch schon ein Hauch von Wehmut durch die Luft. Obwohl der ESVK über 2017 hinaus im Jordanpark bleiben wird. Wo er daheim ist seit sechsundvierzig, als alles begann. Wo er seine Wurzeln hat. Wo er hingehört.

Achtundvierzig Jahre wird die legendäre Eishalle am Berliner Platz schließlich auf ihrem Buckel haben. Eine ganze Menge Holz ist das. Genug jedenfalls, um Geschichte und Geschichten zu schreiben. Da ist viel Wasser die Wertach hinabgeflossen seit neunundsechzig. Höchste Zeit, um innezuhalten, seine Gedanken schweifen zu lassen, Augenblicke zu sammeln. Augenblicke, die begeistert, bewegt und berührt, die das Blut in Wallung gebracht haben. Augenblicke, in denen der Ruhepuls aus den Fugen geriet. Augenblicke der Leidenschaft, der Hingabe, des Gefühls. Augenblicke, die sich gleich Mosaiksteinchen zu einem Bild fügen. Augenblicke am Berliner Platz.

Wie diese.

„Ein Spiel gegen Landshut. Mitte der Achtziger. Emotionsgeladen wie immer. Natürlich herrschte ein enormer Andrang. Ich war es deshalb bei solchen Spielen gewohnt, mich seitwärts auf den Stufen der Stehplätze aufzuhalten. Weil wieder einmal „noch Tausende vor den Toren“ standen, besaß ich aber nicht die geringste Chance, zu meinem gewohnten Platz zu gelangen. Selbst die äußersten Ecken der Stehränge waren belegt. Jeder Quadratzentimeter war besetzt. Letztlich fand ich mich gegenüber dem Stadioneingang ganz hinten an der Holzwand wieder. Dort konnte ich das Spiel zwar hören, jedoch keinesfalls sehen. Weil ich damals noch viel jünger und beweglicher war, fand ich aber dennoch einen Ausweg. Hoch über mir befanden sich nämlich die Werbebanden, die noch heute zu sehen sind. Und dort gibt es auch dicke Balken, die quer die Holzwand verstärken. Es gelang mir hinaufzuklettern und schließlich stand ich auf einem der Balken hinter einer Werbebande. Plötzlich besaß ich den perfekten Blick auf das Eis. Niemand konnte sich mehr in mein Sichtfeld stellen. Das Spielergebnis ist mir zwar entfallen, mein besonderer Stehplatz im überfüllten Stadion aber immer lebhaft im Gedächtnis geblieben.“ (George J. King, 46, Kaufbeuren)

„Noch heute läuft es mir kalt über den Rücken, wenn ich an den Ostermontag vor zwei Jahren und das Herzschlagfinale gegen Frankfurt denke. Den Augenblick, als der Puck im Netz einschlug, werde ich so schnell nicht vergessen. Ich sehe ihn noch immer deutlich vor mir. Wie in Zeitlupe. Und ich höre den ohrenbetäubenden Aufschrei. Was für eine Erleichterung. Was für eine Hoffnung. Dabei waren wir drei Spiele vor dem Ende doch schon so gut wie abgestiegen gewesen. Nun aber hatten wir doch wieder eine Chance. Im allerletzten Spiel. Ein Sieg musste her. Auf Teufel komm raus. Die schier unerträgliche Spannung steigerte sich von Minute zu Minute. Auch weil lange kein Tor fallen wollte. Bis Michael Kreitl traf. Spät im zweiten Drittel. Danach aber kam das Warten, das Bangen, das Zittern. Und endlich die Erlösung. Was für ein Jubel. Aber erst drunten auf dem Eis bei den Spielern wurde einem allmählich klar, dass wir es doch noch gepackt hatten. Besonders erinnere ich mich an Maury Edwards. Wie der sich gefreut hat. Das Foto mit ihm hängt bei mir daheim an der Wand. Ein unheimlich netter Typ und eine coole Erinnerung. Vor allem der Augenblick, als der Puck im Netz hing und die Zeit stillstand, ehe der ausverkaufte Berliner Platz aufsprang und die alte Hütte wackelte.“ (Reinhard Dausch, 44, Apfeltrach)

„Ich war von Anfang an am Berliner Platz mit dabei. In all den Jahren. Da hat sich unheimlich viel Bedeutsames ereignet und angesammelt. Trotzdem brauche ich gar nicht lange nachzudenken, denn es gibt ihn wirklich, meinen Lieblingsaugenblick. Er liegt vierzig Jahre zurück und trotzdem reißt er mich noch heute vom Hocker. Das denkwürdige 7:8 in einem epischen Derby gegen den AEV. Ein mitreißender Abend voller Herzklopfen und Gänsehaut. Die Augsburger kamen damals als Zweitligatabellenführer und mit dreitausend Schlachtenbummlern zum absoluten Spitzenspiel nach Kaufbeuren. Der Berliner Platz war vollgestopft bis unters Dach. Er vermochte die Menschenmassen gar nicht mehr zu fassen. Wir standen wie die Ölsardinen. Die Stimmung war gewaltig. Aufgeheizt. Packend. Und dann brach wie aus heiterem Himmel eine Lawine über uns herein. Wir gerieten 0:6 in Rückstand. Unfassbar war das. Genauso unfassbar wie unsere Aufholjagd. Als uns das 2:7 gelungen war, haben wir unsere Mannschaft in einem phantastischen Schlussdrittel nach vorne gepeitscht. Die Halle tobte und der ESVK schoss Tor um Tor. Eine wahnsinnige Spannung lag in der Luft. Plötzlich stand es 7:8. Die Sensation war zum Greifen nahe. Doch leider kam die Sirene zu früh. Sogar die Schiedsrichter äußerten nach dem Spiel, dass sie etwas Derartiges noch nie erlebt und sich die Kaufbeurer einen Punkt redlich verdient gehabt hätten. Heute weiß ich, dass das Spiel nur Sieger besaß. Den AEV, den ESVK, die Zuschauer, das Eishockey und den Berliner Platz. Ein für immer unvergesslicher Augenblick. Mein Lieblingsaugenblick.“ (Günther Simon, 56, Kaufbeuren)

Text: Manfred Kraus

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